Aktuell  Projekte  Person  Kontakt  
  • Solanum lycopersicum 2016
  • Mondspiel II 2015
  • Reisende 2014
  • Mondspiel I 2014
  • Erwachen 2013
  • Arche 2013
  • Flussgang 2013
  • Im Hafen 2012
  • burnouts 2012
  • Ewighaltbare Fruchtkörper 2012
  • wünsche 2011
  • reinweisses 2011
  • Alltags Rhythmus 2011
  • In Papas Händen 2011
  • Künstlerglück 2010
  • was wäre wenn? 2010
  • Der Weg... 2010
  • Auf gehts!!! 2010
  • Der Flug 2010
  • Soziales Netz 2010
  • Zuckersüßes Werden und Vergehen 2010
  • Spiegel 2009
  • Engel 2009
  • Der Apfel 2009
  • Narziß heute 2009
  • PASSPORT 2008
  • Ein Traum und Knoten im Garn 2008
  • Die Schöpfung 2007
  • Wanderung 2007
  • Between 2005
  • Bis dass der Tod uns scheidet 2004
  • Flucht aus Dubica 2004

„Reality doesn`t kill"

Was aber positioniert den 1980 in Bosnien Herzegowina gebürtigen Bajric in einem längst adaptierten deutschen Kunstumfeld?
Wie die Literatin Alma Hadzibeganovic, die ein Jahr früher als Bajric (1993) aus ihrer Heimat flüchtete, treffend konstatiert, „ist die junge, intellektuelle Generation (im Exil) abgeschnitten von Bosnien und Herzegowina", bosnische Identität ist hier schon längst als Verlust verinnerlicht und wird kulturell auch so rezipiert.
Dementsprechend versteht sich Edin Bajric nicht als politischer Künstler, er orientiert sich inhaltlich autobiographisch und präsentiert sein Werk nach existentialistischer Methode, die kleine persönliche Veränderung, die hier in den Fokus rückt, ist katalysierende Parallelwelt zum weltpolitischen Geschehen.
Allerdings revoltiert die Menschheit und Dingwelt in Bajric Oeuvre nicht, sie verhält sich gemäß einer poetischen Natur, die Schönheit in ihrer eigenen Identität sucht.
Inhaltliche und formale Identitätssuche, der tatsächliche Verlust von in Existenz eingebetteter Identität durch Flucht, Exil und Heimatsuche, verbindet Bajric mit vielen jungen Kunstschaffenden aus seinem Heimatland.
In Salzburg lief 2001 auf Initiative von studio-west ein repräsentatives Kurzfilmprogramm „Bosnien und Herzegowina". Filme wie „After, after"(1997), von Jasmila Hanic, „Draga Liljana" (2000) von Nina Kusturica, „Hobby"(1993) von Smail Kapitanovic, um nur einige zu nennen, scheinen inhaltlich denselben Themenkreis abzustecken. In dem Film „Rezine casa-Slices of Time" (2001), von ZemiraAlajbegovic und Nerven A. Korda, sind die Protagonisten schließlich die Großmütter, wie wir es auch im Film von Bajric "Knoten im Garn" (2008) als Symbolträger für Generationswechsel finden.
Auch in nicht filmischen Disziplinen finden wir ein breites Feld thematisch enger Verwandtschaften. Genannt werden müssen hier sicherlich Sejla Kameric mit den Arbeiten „SARAJEWO home-SICK" und „Bos-nian Girl", sowie Tanja Ostojic mit „Visa oder die Verhinderung des Reisens" und „Integration-project".
Das Rad kann nicht zweimal erfunden werden, aber man muss es technisch der Straße anpassen, um optimale Fortbewegung zu garantieren.
Es sind die Künstler, die Krieg und Flucht als Kinder erlebt haben, deren Leben fest wie das von Edin Bajric in seinem neuen Heimatland verwurzelt sind, die einen neuen Blick auf das Geschehene werfen können. Das Trauma traumatisiert nicht länger, es darf ästhetisieren, es darf wieder in Gleichungen und Allegorien sprechen, denn es besitzt den dazu nötigen Abstand zum Leid.
Hier positioniert sich Edin Bajric. Krieg und Flucht dürfen jetzt „als Richtung im Raum" definiert werden, sie dürfen die konzeptionelle Struktur für einen Film stellen und Reisepässe/Visa dürfen depolitisiert, ästhetisiert, Geschichten erzählen.
Nicht selten trifft in Bajric Werk den Betrachter ebendieses ausgeschwiegene, überwundene Leid mit doppelter Wucht.
Vielleicht ist es der Rezipient, der dem Werk (mit der Thematik Krieg und Exil) nicht erlauben kann banal und alltäglich zu werden, dem Künstler nicht erlauben will ein kosmopolitischer, homosexueller und integrierter Künstler zu sein und kein Leidtragender mehr? Ist es der Betrachter der sich vom katastrophentouristischen Blick nicht losreißen kann?
Handelt es sich um inszenierte Kunst, die maximiert was sie zu minimieren scheint, und gleichsam EXIL in der KUNST generell diskutiert?

Bajric künstlerische Antworten darauf bleiben unspektakulär und erzählerisch. Sie sind weit davon entfernt als Mahnmal (siehe Christian Boltansky) wirksam zu sein.
Es sind grade jene Arbeiten von Edin Bajric, die auf den ersten Blick am wenigsten von seiner Vergangenheit erzählen, die am meisten verraten:
„Wanderung"(Installation) und der dazugehörige Film „Die Schöpfung" zeigen in abgeformten Fruchthälften „Dummies" für die Flucht, Probanten fürs Exil, Simulanten für Unterwanderung und Heimatsuche.
Individualität und Existenz, Separierungsprozesse und Machtansammlung, Hegemonie und Gleichgewicht werden als Beziehungsmuster, die Richtungen weisen, aufgezeigt.
Schöpfer und Stifter dieses Treibens ist allerdings der Künstler, wie der Film beweist, absolut und autokratisch.
„Between", eine Fotografische Reihe, die sich thematisch an „Gender, Transgender und Homosexualität" in der Kunst orientiert, zeigt Maskierung von Sexus und Androgynität.
Auch hier findet keine Marginalisierung statt. Das „Bild" ist ästhetisch gesichert, erzählt ohne sich selbst zu hinterfragen, auch autobiografisch.
Edin Bajric spielt mit seinen Exilen.
Wir werden nicht erzogen, wir werden involviert.
Was nach dem Exil kommt ist nicht mehr gefährlich.
Nur als Kunst.

Mit freundlichen Grüßen,
Heike Schötker

<< zurück